05.04.2021
Von Peter Hecker, Inhaber von HECKER CONSULTINGWie Low-Code-Plattformen die Softwareentwicklung verändern: Rolle der Entwickler, Citizen Developer, Governance, Lock-in und Vergleich mit KI-Assistenten.

In vielen IT-Abteilungen sieht die Lage ähnlich aus: Die Liste der Wünsche aus den Fachbereichen ist lang, die Zahl der Entwickler begrenzt, und neue Fachkräfte sind schwer zu finden. Laut Branchenverband Bitkom fehlten 2026 in Deutschland rund 79.000 IT-Fachkräfte – etwa halb so viele wie 2023, aber noch immer Zehntausende. Gleichzeitig soll alles schneller gehen: neue Abläufe digitalisieren, Daten nutzbar machen, Kunden besser bedienen.
Low-Code-Plattformen versprechen einen Ausweg. Fachabteilungen bauen einfachere Anwendungen selbst, Entwickler kommen mit vorgefertigten Bausteinen schneller voran. Was Low-Code und No-Code grundsätzlich sind und worin sie sich unterscheiden, erklärt der Grundlagenbeitrag No-Code und Low-Code: Was dahintersteckt. Hier geht es um die Sicht der IT: Was ändert sich an der Arbeit der Entwickler, wie lässt sich die Entwicklung außerhalb der IT steuern, und wie passen Low-Code und KI-Code-Assistenten zusammen?
Ein großer Teil der Unternehmenssoftware besteht aus immer gleichen Mustern: Daten erfassen, prüfen, speichern, anzeigen, freigeben, weiterleiten. Wer solche Anwendungen klassisch programmiert, schreibt viel Code, der mit dem eigentlichen Fachproblem wenig zu tun hat – Anmeldung, Formularvalidierung, Datenbankzugriff, Darstellung auf verschiedenen Geräten. Low-Code-Plattformen liefern diese Grundlagen fertig mit. Die Entwicklung verschiebt sich vom Schreiben solcher Routinen hin zum Modellieren von Daten, Abläufen und Regeln.
Das verändert die Rolle der Entwickler, ersetzt sie aber nicht. Ihre Arbeit wandert an andere Stellen:
Für Entwickler bedeutet das weniger Routine und mehr Architektur und Abstimmung. Wer gern jede Zeile selbst schreibt, empfindet das als Verlust; wer gern Probleme löst, eher als Entlastung.
Citizen Developer heißen Mitarbeitende aus Fachabteilungen, die mit Low-Code- oder No-Code-Werkzeugen eigene Anwendungen bauen – die Controllerin, die ihr Berichtswesen automatisiert, der Disponent, der eine App für die Tourenplanung zusammenstellt. Sie kennen die Abläufe besser als jeder externe Entwickler und können Ideen sofort ausprobieren.
Angenommen, in einem Stadtwerk baut die Abteilung Netzbetrieb eine App, mit der Monteure Zählerwechsel per Smartphone dokumentieren. Nach drei Monaten nutzen 80 Menschen die App, die Daten fließen in die Abrechnung, und die Kollegin, die sie gebaut hat, wechselt in eine andere Abteilung. Wer pflegt die App jetzt? Wer haftet, wenn eine fehlerhafte Regel falsche Rechnungen erzeugt? Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob Citizen Development dem Unternehmen nützt oder eine neue Schatten-IT erzeugt.
Bewährt hat sich ein Stufenmodell: Persönliche Helfer und Team-Werkzeuge dürfen Fachanwender frei bauen. Sobald eine Anwendung abteilungsübergreifend genutzt wird, personenbezogene Daten verarbeitet oder in Kernsysteme schreibt, prüft die IT mit und übernimmt im Zweifel Betrieb und Pflege. Viele Unternehmen bilden dafür gemischte Teams aus Fachleuten und Entwicklern, manchmal Fusion-Teams genannt.
Low-Code zu verbieten, funktioniert selten – die Werkzeuge stecken längst in der vorhandenen Bürosoftware. Wirksamer sind Leitplanken, die das Bauen erlauben und Risiken begrenzen. Dazu gehören:
Meine Einschätzung: Die Governance muss leichter sein als der Umweg an ihr vorbei. Ein Freigabeprozess, der Wochen dauert, treibt die Fachabteilung zurück zu Excel-Makros und privaten Online-Diensten.
Die frühe Debatte „Low-Code gegen klassische Programmierung“ ist weitgehend vorbei. In der Praxis arbeiten beide zusammen, und die Grenze verläuft nicht zwischen Abteilungen, sondern innerhalb einer Anwendung. Fachleute sprechen von Pro-Code, wenn klassisch programmiert wird.
Professionelle Low-Code-Plattformen haben definierte Stellen, an denen Entwickler eigenen Code einhängen. In Microsoft Power Apps sind das etwa eigene Komponenten über das Power Apps Component Framework und eigene Konnektoren für interne Schnittstellen. Mendix erlaubt Erweiterungen in Java und JavaScript, OutSystems ebenfalls eigene Code-Bausteine. So entsteht eine Arbeitsteilung: Die Oberfläche und der Standardablauf kommen aus dem Baukasten, die anspruchsvolle Berechnung oder die Anbindung an ein Altsystem aus der Entwicklung.
Noch wichtiger sind Programmierschnittstellen (APIs). Wenn die IT ihre Kernsysteme über gut dokumentierte, abgesicherte Schnittstellen öffnet, können Low-Code-Anwendungen darauf aufsetzen, ohne direkt in Datenbanken zu greifen. Das ist sauberer und sicherer. Angenommen, ein Maschinenbauer stellt Auftragsstatus und Lagerbestand über eine interne API bereit: Der Vertrieb baut daraus eine Auskunfts-App, der Service eine Ersatzteilbestellung, und beide greifen auf dieselben geprüften Daten zu. Wer so arbeitet, profitiert von Prinzipien der Softwarearchitektur wie klar geschnittenen Zuständigkeiten – egal, ob dahinter Low-Code oder klassischer Code steht.
Low-Code-Werkzeuge helfen auch der Entwicklung selbst: Genehmigungsabläufe für Releases, Benachrichtigungen bei fehlgeschlagenen Builds, Übergaben zwischen Teams lassen sich mit Automatisierungsplattformen schneller verdrahten als mit eigenen Skripten.
Wer eine Plattform für den Einsatz über einzelne Abteilungen hinaus auswählt, sollte sie an denselben Maßstäben messen wie jede andere Entwicklungsumgebung. Diese Merkmale entscheiden:
Die größte strategische Frage bei Low-Code ist die Abhängigkeit vom Anbieter. Eine Low-Code-Anwendung ist in der Regel an ihre Plattform gebunden. Daten lassen sich exportieren, die modellierte Logik meist nicht in eine andere Umgebung übertragen. Einige Anbieter erzeugen zwar Code, der sich theoretisch weiterverwenden ließe, praktisch ist dieser Code ohne die Plattform selten wartbar.
Lock-in ist nicht automatisch schlecht – jede Standardsoftware bindet. Er sollte aber eine bewusste Entscheidung sein. Hilfreich sind diese Fragen:
Mein Rat: Kernsysteme und Logik, die das Unternehmen vom Wettbewerb unterscheiden, entstehen weiter in klassischer Entwicklung oder in Standardsoftware. Low-Code eignet sich hervorragend für die Schicht darüber: Oberflächen, Abläufe, Auswertungen und Ergänzungen, die sich schnell ändern.
Seit KI-Assistenten wie GitHub Copilot, Claude Code oder Cursor ganze Funktionen und kleine Anwendungen auf Zuruf schreiben, stellt sich die Frage, ob Low-Code noch gebraucht wird. Wer per Texteingabe programmieren kann, braucht keinen Baukasten mehr – so die Überlegung.
Der Vergleich hinkt an einer entscheidenden Stelle. Ein KI-Assistent liefert Code. Dieser Code gehört danach dem Unternehmen, mit allen Pflichten: Er muss verstanden, getestet, abgesichert, betrieben und über Jahre gepflegt werden. Eine Low-Code-Plattform liefert dagegen einen betriebenen Rahmen, in dem Anmeldung, Hosting, Updates und Berechtigungen geregelt sind. Für ein Entwicklerteam ist KI-gestützte Programmierung oft der flexiblere Weg. Für eine Fachabteilung ohne Entwickler ist ein KI-generiertes Programm, das niemand im Haus versteht, ein Risiko – gerade wenn es nach der Methode „Vibe Coding“ entstanden ist, bei der der erzeugte Code kaum geprüft wird.
In der Praxis verschmelzen beide Welten. Die großen Low-Code-Plattformen haben eigene KI-Assistenten eingebaut, die aus einer Beschreibung eine erste App, ein Datenmodell oder einen Workflow vorschlagen. Entwickler nutzen KI-Assistenten, um Erweiterungen, Konnektoren und Tests für Low-Code-Anwendungen zu schreiben. Und KI-Agenten, die selbstständig Aufgaben erledigen, werden zunehmend in Low-Code-Umgebungen gebaut, weil dort Anbindungen und Berechtigungen schon geregelt sind. Wie Entwicklerteams KI-Assistenten im Alltag einsetzen, behandelt das Seminar KI-gestützte Softwareentwicklung.
Unabhängig von Plattform und Branche zeigen sich einige Einsatzfelder, in denen Low-Code seine Stärken ausspielt:
Weniger geeignet sind Anwendungen mit sehr hohen Anforderungen an Leistung, besonderer Rechenlogik oder ungewöhnlichen Oberflächen sowie Produkte, die ein Unternehmen selbst verkaufen will. Wie der Weg von der Idee zur eigenen App praktisch aussieht, beschreibt der Beitrag Von der Idee zur App mit Low-Code und No-Code.
Die Zukunft der Softwareentwicklung ist nicht entweder Low-Code oder klassischer Code, sondern ein Nebeneinander mit klarer Arbeitsteilung. Low-Code wird zur Standardschicht für Fachanwendungen und Automatisierung, klassische Entwicklung bleibt für Kernsysteme, Schnittstellen und alles, was ein Unternehmen vom Wettbewerb abhebt. KI-Assistenten beschleunigen beide Seiten.
Für IT-Abteilungen heißt das: Sie verlieren nicht an Bedeutung, ihre Rolle verschiebt sich vom alleinigen Hersteller von Software zum Betreiber einer Plattform, Anbieter von Schnittstellen und Begleiter der Fachbereiche. Überschätzt wird die Hoffnung, mit Low-Code ließe sich der Fachkräftemangel lösen. Unterschätzt wird der Aufwand für Governance, Schulung und Pflege, wenn hunderte Anwendungen entstehen. Wer diesen Aufwand von Anfang an einplant, gewinnt Tempo, ohne die Kontrolle zu verlieren.
Nein. Low-Code nimmt Entwicklern Routinearbeit ab und lässt Fachabteilungen einfache Anwendungen selbst bauen. Plattformbetrieb, Schnittstellen, Erweiterungen, Sicherheit und komplexe Anwendungen bleiben Aufgaben für Fachleute.
Professionelle Plattformen unterstützen Versionsverwaltung und automatisierte Bereitstellung zwischen Entwicklungs-, Test- und Produktivumgebung, oft mit Anbindung an Git und an Werkzeuge wie Azure DevOps oder GitHub. Der Funktionsumfang unterscheidet sich je Plattform und Lizenz deutlich; prüfen Sie ihn vor der Auswahl.
Das sollte vor dem produktiven Einsatz schriftlich feststehen: Eine fachliche Eigentümerin oder ein fachlicher Eigentümer für Inhalt und Regeln, die IT für Plattform, Sicherheit und Betrieb. Ohne diese Klärung bleibt die App nach einem Personalwechsel verwaist.
In der Entwicklung meist ja, über die gesamte Lebensdauer nicht automatisch. Lizenzkosten pro Nutzer, Aufwand für Governance und die Kosten eines möglichen Plattformwechsels gehören in die Rechnung.
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