30.09.2025
Von Peter Hecker, Inhaber von HECKER CONSULTINGZehn IT-Trends 2026 von generativer KI und Agenten über AI Act und NIS2 bis zur Barrierefreiheit – erklärt und nach Relevanz für Unternehmen bewertet.

Trendlisten haben ein Problem: Sie sehen sich jedes Jahr erstaunlich ähnlich. Blockchain, 5G, der Kühlschrank, der selbst Milch bestellt – solche Punkte standen schon 2019 auf vielen Listen, und die meisten Unternehmen haben seither wenig davon gespürt. Gleichzeitig kam die Entwicklung, die den Büroalltag tatsächlich verändert hat, für viele überraschend: Ende 2022 erschien ChatGPT, und seitdem ist generative KI das bestimmende IT-Thema.
Diese Liste versucht es deshalb anders. Sie nennt zehn Entwicklungen, die 2026 Budgets, Projekte und Pflichten in Unternehmen tatsächlich prägen, erklärt jeweils kurz, worum es geht, und ordnet ein, wie wichtig das Thema für ein durchschnittliches Unternehmen ist. Manches davon ist spektakulär, manches ist schlicht Pflicht.
Generative KI bezeichnet Programme, die neue Inhalte erzeugen: Texte, Bilder, Programmcode, Zusammenfassungen. Grundlage sind große Sprachmodelle, die aus riesigen Textmengen gelernt haben. 2023 war das noch ein Experiment einzelner Mitarbeiter im Browser. 2026 steckt es in den Programmen, mit denen ohnehin gearbeitet wird: in Microsoft 365 als Copilot, in Google Workspace als Gemini, in CRM-Systemen, Buchhaltungssoftware und Entwicklungsumgebungen.
Angenommen, eine Sachbearbeiterin in einer Stadtverwaltung bekommt einen 40-seitigen Antrag. Statt alles von vorn zu lesen, lässt sie sich die zentralen Punkte und offenen Fragen zusammenstellen und prüft dann gezielt nach. Genau dort liegt der Nutzen: Zeit beim Lesen, Schreiben und Sortieren. Die fachliche Entscheidung bleibt beim Menschen.
Relevanz: hoch für praktisch jedes Unternehmen. Die Frage ist nicht mehr, ob Mitarbeitende KI nutzen, sondern ob sie es mit freigegebenen Werkzeugen und klaren Regeln tun – oder heimlich mit privaten Konten.
Ein KI-Agent ist ein Programm, das nicht nur eine Frage beantwortet, sondern eine Aufgabe in mehreren Schritten erledigt: Informationen suchen, eine Anwendung bedienen, ein Ergebnis prüfen, den nächsten Schritt planen. Ein Agent könnte etwa eingehende Rechnungen lesen, mit Bestellungen abgleichen und Abweichungen an die Buchhaltung melden. In der Softwareentwicklung schreiben solche Agenten bereits ganze Programmteile und testen sie.
Das Thema ist real, aber stark überhitzt. Viele Pilotprojekte scheitern an unzuverlässigen Ergebnissen, fehlenden Schnittstellen oder ungeklärter Verantwortung: Wer haftet, wenn ein Agent eine falsche Bestellung auslöst? Hinzu kommen neue Sicherheitsrisiken, etwa wenn ein Agent auf manipulierte Anweisungen in einer E-Mail oder Webseite hereinfällt.
Relevanz: hoch für die Planung, mittel für den Alltag. Sinnvoll sind klar begrenzte Abläufe mit menschlicher Freigabe. Wer verspricht, dass Agenten ganze Abteilungen ersetzen, verkauft vor allem Hoffnung.
Mit dem AI Act hat die EU das erste umfassende Gesetz für künstliche Intelligenz beschlossen. Es teilt KI-Anwendungen nach ihrem Risiko ein: Manche sind verboten, etwa das Bewerten von Menschen nach ihrem Sozialverhalten. Für Hochrisiko-Anwendungen, zum Beispiel bei der Auswahl von Bewerbern oder der Kreditvergabe, gelten strenge Auflagen. Für Chatbots gilt vor allem Transparenz: Menschen sollen wissen, dass sie mit einer Maschine sprechen.
Die Regeln greifen schrittweise. Die EU-KI-Verordnung (Verordnung (EU) 2024/1689) ist seit 1. August 2024 in Kraft und gilt stufenweise: Verbote und die Pflicht zur KI-Kompetenz seit 2. Februar 2025, Pflichten für KI-Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck seit 2. August 2025, die meisten übrigen Regeln, darunter die Transparenzpflichten nach Art. 50, seit 2. August 2026. Unternehmen, die KI-Systeme anbieten oder einsetzen, müssen weiterhin Maßnahmen ergreifen, um die KI-Kompetenz ihrer Beschäftigten zu fördern (Art. 4); ein bestimmtes Niveau je Person schreibt die Verordnung seit einer Änderung nicht mehr vor. Die Hochrisiko-Pflichten hat die EU inzwischen verschoben, und zwar mit dem Digital Omnibus zur KI (Verordnung (EU) 2026/1744), der seit 27. Juli 2026 in Kraft ist: für Systeme nach Anhang III, etwa in Personalwesen oder Bildung, auf den 2. Dezember 2027, für KI in regulierten Produkten nach Anhang I auf den 2. August 2028. Einen Einstieg bietet das Seminar AI Act im Überblick.
Relevanz: hoch, auch für kleine Unternehmen. Die meisten betreiben keine Hochrisiko-Systeme, aber jedes Unternehmen, das KI einsetzt, sollte wissen, welche Werkzeuge im Haus genutzt werden, und seine Leute schulen.
Angriffe auf Unternehmen sind kein neues Thema, aber sie verändern sich. Phishing-Mails, mit denen Betrüger an Zugangsdaten kommen wollen, waren früher oft an schlechtem Deutsch zu erkennen. Mit generativer KI sind sie fehlerfrei und persönlich zugeschnitten. Gefälschte Stimmen am Telefon, die wie der Geschäftsführer klingen, sind technisch kein Hexenwerk mehr. Erpressungssoftware, die Daten verschlüsselt und Lösegeld fordert, bleibt eine der größten Gefahren für den Mittelstand.
Gleichzeitig steigen die Pflichten. Mit der europäischen NIS2-Richtlinie, die Deutschland mit dem NIS-2-Umsetzungsgesetz (in Kraft seit 6. Dezember 2025) in nationales Recht übertragen hat, müssen deutlich mehr Unternehmen als bisher Mindeststandards für IT-Sicherheit einhalten und erhebliche Vorfälle melden. Die Geschäftsleitung trägt dafür ausdrücklich Verantwortung. Hintergründe und Weiterbildungen bündelt das Thema Cybersicherheit.
Relevanz: sehr hoch. Wer nicht direkt unter NIS2 fällt, bekommt die Anforderungen oft über Kunden zu spüren, die von ihren Lieferanten Nachweise verlangen.
Quantencomputer rechnen nicht mit Bits, die entweder 0 oder 1 sind, sondern mit Quantenbits, die Überlagerungen beider Zustände nutzen. Für bestimmte Aufgaben – etwa die Simulation von Molekülen oder bestimmte Optimierungsprobleme – könnten sie herkömmlichen Rechnern weit überlegen sein. Die heutigen Geräte sind allerdings noch fehleranfällig und klein. Dass sie „komplexe Probleme in Sekundenbruchteilen“ lösen, wie es oft heißt, gilt bisher nur für eng begrenzte Testaufgaben.
Für Unternehmen wichtiger ist die Kehrseite: Ein ausreichend großer Quantencomputer könnte gängige Verschlüsselungsverfahren brechen. Angreifer können verschlüsselte Daten schon heute sammeln und später entschlüsseln. Deshalb hat das US-Standardisierungsinstitut NIST im August 2024 die ersten Standards für Post-Quanten-Kryptografie veröffentlicht, also für Verfahren, die auch Quantencomputern standhalten sollen. Browser und Betriebssysteme bauen sie nach und nach ein.
Relevanz: mittel. Eigene Quantencomputer braucht kaum ein Unternehmen. Wer aber Daten verschlüsselt, die viele Jahre vertraulich bleiben müssen, sollte jetzt eine Bestandsaufnahme machen, wo welche Verfahren im Einsatz sind.
Viele Unternehmen und Behörden in Europa hängen bei Cloud, Bürosoftware und KI von wenigen, meist US-amerikanischen Anbietern ab. Politische Spannungen und Diskussionen über den Zugriff ausländischer Behörden auf Daten haben die Frage nach digitaler Souveränität, also der eigenen Handlungsfähigkeit, wieder nach oben gebracht. Die großen Anbieter reagieren mit europäischen Rechenzentren und „souveränen“ Cloud-Angeboten, europäische Anbieter und Open-Source-Lösungen gewinnen an Aufmerksamkeit.
Rückenwind kommt aus Brüssel: Der Data Act der EU, der seit 12. September 2025 gilt, erleichtert unter anderem den Wechsel zwischen Cloud-Anbietern. Angenommen, ein Handelsunternehmen will seine Warenwirtschaft von einem Cloud-Anbieter zu einem anderen umziehen. Bisher konnten hohe Gebühren und proprietäre Formate das praktisch verhindern; solche Hürden fallen schrittweise: Bis zum 11. Januar 2027 dürfen Anbieter für den Wechsel nur noch die direkt damit verbundenen Kosten berechnen, ab dem 12. Januar 2027 gar keine Wechselentgelte mehr.
Relevanz: hoch für Behörden und regulierte Branchen, mittel für die meisten anderen. Ein kompletter Ausstieg aus großen Plattformen ist selten realistisch. Sinnvoll ist, Abhängigkeiten zu kennen, offene Formate zu bevorzugen und für kritische Daten einen Plan B zu haben.
Beim Edge Computing werden Daten dort verarbeitet, wo sie entstehen: in der Fabrikhalle, im Fahrzeug, im Gerät selbst statt im entfernten Rechenzentrum. Das spart Zeit und Bandbreite. Eine Kamera an einer Fertigungslinie, die fehlerhafte Teile erkennt, muss in Millisekunden reagieren und kann nicht auf die Antwort eines Servers in einem anderen Land warten. Das Internet der Dinge, also vernetzte Sensoren und Maschinen, liefert dafür die Daten.
Neu ist, dass auch KI zunehmend vor Ort läuft. Kleinere Sprachmodelle arbeiten auf normalen Firmenrechnern oder eigenen Servern, und neue Laptops haben eigene KI-Chips. Für Unternehmen mit sensiblen Daten ist das interessant, weil nichts das Haus verlassen muss. Wie das in der Cloud-Architektur zusammenspielt, behandelt das Seminar Edge Computing in der Cloud.
Relevanz: hoch in Industrie, Logistik und Energie, gering für reine Bürobetriebe. Der vernetzte Kühlschrank aus früheren Trendlisten ist dagegen eine Randerscheinung geblieben.
Automatisierung hat zwei Gesichter. Im Büro übernehmen Software-Roboter und Workflow-Werkzeuge wiederkehrende Abläufe, etwa Daten von einem System ins andere übertragen oder Genehmigungen weiterleiten. Mit generativer KI können sie inzwischen auch unstrukturierte Eingaben wie E-Mails oder eingescannte Formulare verarbeiten. In Fabrik und Lager arbeiten Roboter zunehmend mit Menschen zusammen, statt hinter Schutzgittern zu stehen.
Viel Aufmerksamkeit bekommen humanoide Roboter, die wie Menschen aussehen und sich bewegen. Hier ist Zurückhaltung angebracht: Die Vorführungen sind beeindruckend, der wirtschaftliche Einsatz außerhalb von Pilotprojekten ist bisher selten. Der Fachkräftemangel ist der eigentliche Treiber – Automatisierung soll vor allem Lücken schließen, die sich mit Personal nicht mehr füllen lassen.
Relevanz: hoch, aber in kleinen Schritten. Die größten Effekte bringen meist unspektakuläre Automatisierungen im Büro, nicht der Roboter im Foyer.
Grüne IT galt lange als Imagethema. Mit dem Boom der KI ist sie handfest geworden: Das Trainieren und Betreiben großer Modelle braucht enorme Rechenleistung, und Rechenzentren benötigen entsprechend viel Strom und Kühlung. Betreiber suchen deshalb Standorte mit erneuerbarer Energie, nutzen Abwärme und rüsten effizientere Hardware nach. In Deutschland stellt das Energieeffizienzgesetz Anforderungen an Rechenzentren, etwa beim Energieverbrauch und bei der Nutzung von Abwärme.
Für das einzelne Unternehmen sind die Hebel unspektakulärer: Geräte länger nutzen, Cloud-Ressourcen abschalten, die niemand braucht, und nicht jede Aufgabe mit dem größten verfügbaren KI-Modell erledigen. Auch Nachhaltigkeitsberichte, zu denen die EU inzwischen vor allem sehr große Unternehmen verpflichtet, erfassen den Energieverbrauch des Unternehmens und damit auch den der IT.
Relevanz: mittel. Wichtig für Rechenzentrumsbetreiber und berichtspflichtige Unternehmen, für alle anderen vor allem eine Kostenfrage.
Seit dem 28. Juni 2025 gilt in Deutschland das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. Es verpflichtet Unternehmen, bestimmte digitale Produkte und Dienstleistungen barrierefrei anzubieten, darunter Online-Shops, Bankdienstleistungen und Buchungsplattformen. Webseiten müssen dann etwa mit einem Bildschirmleser bedienbar sein, ausreichende Kontraste haben und ohne Maus funktionieren. Kleinstunternehmen, die Dienstleistungen anbieten, sind ausgenommen.
Barrierefreiheit hilft nicht nur Menschen mit Behinderung. Klare Strukturen, verständliche Texte und gut lesbare Formulare nutzen allen Besuchern – und auch Suchmaschinen und KI-Assistenten, die Webseiten auslesen.
Relevanz: hoch für alle, die online verkaufen oder Verträge abschließen. Ob das eigene Angebot unter das Gesetz fällt, sollte jedes Unternehmen prüfen (allgemeiner Hinweis, keine Rechtsberatung).
Einige Begriffe, die in Trendlisten gern auftauchen, fehlen hier bewusst. Blockchain hat sich in Nischen wie Lieferketten-Nachweisen oder digitalen Wertpapieren etabliert, ist für die meisten Unternehmen aber kein Thema mit Handlungsbedarf. 5G ist inzwischen Infrastruktur, kein Trend mehr; spannend bleibt es vor allem als privates Funknetz auf Werksgeländen. Augmented und Virtual Reality, also digitale Einblendungen in die echte Welt beziehungsweise komplett virtuelle Umgebungen, haben in Schulung und Wartung ihren Platz gefunden, der große Durchbruch am Arbeitsplatz ist aber ausgeblieben. Vom Metaverse spricht kaum noch jemand.
Das heißt nicht, dass diese Technologien wertlos sind. Sie sind nur für 2026 nicht die Themen, bei denen die meisten Unternehmen etwas verpassen, wenn sie nicht handeln.
Wer die zehn Trends nebeneinanderlegt, erkennt ein Muster: Die Technik entwickelt sich schnell, die eigentliche Arbeit liegt aber in Organisation, Regeln und Qualifikation. Die folgende Übersicht fasst die Einschätzungen zusammen:
Meine Empfehlung: Beginnen Sie mit den Pflichten und dem Naheliegenden. Sicherheit, AI Act und Barrierefreiheit lassen sich nicht aufschieben, generative KI wird ohnehin schon genutzt und sollte in geordnete Bahnen kommen. Agenten, Souveränität und Quantenfestigkeit gehören auf die Agenda der nächsten zwei, drei Jahre. Wer daraus eine stimmige Planung machen will, findet im Seminar Digitale Strategie einen Rahmen dafür.
Die wichtigsten IT-Trends 2026 sind weniger spektakulär, als Werbevideos vermuten lassen. Sie entscheiden sich nicht im Labor, sondern daran, ob Unternehmen Regeln, Sicherheit und Weiterbildung ernst nehmen.
Für die meisten Unternehmen die Kombination aus generativer KI und Cybersicherheit. KI verändert die tägliche Arbeit am stärksten, und dieselbe Technik macht Angriffe gefährlicher. Beides lässt sich nur gemeinsam sinnvoll angehen.
Generative KI erzeugt auf Anfrage einen Inhalt, etwa einen Text oder eine Zusammenfassung. Ein KI-Agent nutzt solche Modelle, um eine Aufgabe in mehreren Schritten selbstständig zu erledigen, zum Beispiel Daten aus einem System holen, verarbeiten und in ein anderes eintragen.
Ja, sobald sie KI-Systeme einsetzen. Für die meisten bedeutet das vor allem: wissen, welche Werkzeuge genutzt werden, Beschäftigte schulen und bei Kundenkontakt per Chatbot transparent sein. Die strengen Hochrisiko-Pflichten betreffen nur bestimmte Einsatzbereiche.
Akute Gefahr besteht nicht. Wer aber Daten speichert oder überträgt, die in zehn Jahren noch vertraulich sein müssen, sollte die Umstellung auf quantensichere Verfahren in seine IT-Planung aufnehmen.
Nicht jeder muss alles wissen. Sinnvoll ist eine Grundschulung zu KI und Sicherheit für alle, vertiefte Weiterbildung für die Verantwortlichen in IT, Datenschutz und Geschäftsleitung und ein fester Termin im Jahr, an dem die eigene Trendliste überprüft wird.
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