24.06.2026
Von Peter Hecker, Inhaber von HECKER CONSULTINGVom Telefon über das Internet bis zum iPhone: wie oft Experten neue Technik unterschätzt haben und was diese Fehlprognosen für die heutige KI-Kritik bedeuten.

Kaum eine Technologie polarisiert derzeit so stark wie Künstliche Intelligenz. Auf der einen Seite stehen begeisterte Anwenderinnen und Anwender, die KI längst in ihren Alltag integriert haben.
Auf der anderen Seite formiert sich ein Chor prominenter Skeptiker, die der Technologie eine baldige Bruchlandung prophezeien.
Wer in dieser Debatte Orientierung sucht, findet sie an einem überraschenden Ort: in der Geschichte. Denn das Muster, nach dem heute über KI diskutiert wird, ist erstaunlich vertraut und es lohnt sich, genauer hinzuschauen.
Wer behauptet, eine neue Technologie werde scheitern, befindet sich in prominenter Gesellschaft. Über Jahrhunderte hinweg haben angesehene Fachleute, erfolgreiche Unternehmenslenker und sogar Nobelpreisträger neue Erfindungen mit beeindruckender Selbstsicherheit für aussichtslos erklärt. Das Faszinierende daran: Sie lagen fast immer falsch. Und je größer die spätere Bedeutung der Technologie, desto spektakulärer wirkt ihr Irrtum im Rückblick.
Man muss gar nicht weit zurückgehen, um eindrückliche Beispiele zu finden. Der Blockbuster-Chef konnte 2008 die allgemeine Begeisterung für Netflix schlicht nicht nachvollziehen. Wenige Jahre später hatte der Streaming-Dienst Hunderte Millionen Abonnenten, während von der einst mächtigen Videothekenkette praktisch nichts mehr übrig blieb.
Ähnlich erging es dem Cloud-Computing. Der Oracle-Gründer bezeichnete die Idee einst als kompletten Unsinn, nur um sein Unternehmen später selbst zu einem der großen Anbieter von Cloud-Diensten zu machen und damit Milliarden zu verdienen. Was als Wahnsinn abgetan wurde, entwickelte sich zu einem Markt mit einem Volumen von rund 700 Milliarden Dollar jährlich.
Besonders lehrreich ist der Fall des iPhones. Der damalige Microsoft-Chef sah 2007 keinerlei Chance, dass das Gerät nennenswerte Marktanteile erringen könnte. Heute sind über zwei Milliarden iPhones verkauft, und das Smartphone gilt als eines der profitabelsten Produkte der Wirtschaftsgeschichte.
Derselbe Manager hatte zuvor übrigens auch Open-Source-Software als "Krebsgeschwür" bezeichnet, bis Microsoft Jahre später selbst der Linux Foundation beitrat. Es zeigt sich: Selbst Menschen mit tiefem Brancheneinblick können den Wert einer Neuerung gründlich unterschätzen.
Das Phänomen ist keineswegs ein Produkt der digitalen Ära. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Technikgeschichte und reicht weit über das Internetzeitalter hinaus.
Ein internes Memo von Western Union erklärte 1876, das Telefon habe schlicht zu viele Schwächen, um ernsthaft als Kommunikationsmittel in Betracht zu kommen. Aus dem belächelten Apparat wurde eines der größten Unternehmen der Geschichte. Heute gibt es weltweit mehr Telefonanschlüsse als Menschen. Auch der britische Postdienst wiegelte ab: Man brauche das Telefon nicht, schließlich habe man genügend Botenjungen. Die Realität sah bald anders aus.
1911 galten Flugzeuge in Militärkreisen als nette Spielerei ohne praktischen Nutzen. Wenige Jahrzehnte später entschied die Luftüberlegenheit ganze Weltkriege. Noch absurder wirkt im Rückblick die Einschätzung einer großen US-Zeitung, die 1903 schätzte, es werde noch ein bis zehn Millionen Jahre dauern, bis eine Flugmaschine wirklich abhebt. Die Gebrüder Wright flogen 69 Tage später.
Man könnte meinen, herausragende Wissenschaftler seien gegen solche Fehleinschätzungen gefeit. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Ein angesehener Physiker und Nobelpreisträger erklärte 1933, wer aus der Atomkernspaltung Energie gewinnen wolle, rede Unsinn. Heute liefert die Kernkraft rund ein Zehntel des weltweiten Stroms.
Ein anderer renommierter Naturforscher hielt Röntgenstrahlen für einen Schwindel, wenige Monate später retteten sie in Krankenhäusern Leben. Und ein Wirtschaftsnobelpreisträger prophezeite 1998, das Internet werde wirtschaftlich kaum mehr Bedeutung haben als ein Faxgerät. Heute sind rund 5,5 Milliarden Menschen online.
Die Liste ließe sich nahezu endlos fortsetzen: vom Automobil als "Modeerscheinung" über das Fernsehen als "Eintagsfliege" bis hin zur Behauptung, niemand wolle sprechende Schauspieler im Kino hören.
Sogar das Schreiben selbst wurde einst kritisiert, ausgerechnet von einem der klügsten Köpfe der Antike, der fürchtete, es werde die Menschen vergesslich machen. Die Ironie: Wir wissen von dieser Sorge nur deshalb, weil jemand sie aufgeschrieben hat.
Vor diesem historischen Hintergrund wirkt die aktuelle Debatte um Künstliche Intelligenz fast schon wie ein Déjà-vu. Auch heute melden sich gewichtige Stimmen zu Wort, die der Technologie wenig zutrauen.
Ein bekannter Linguist und Intellektueller bezeichnete die Aufmerksamkeit rund um ChatGPT 2023 als überzogen und das Programm als etwas Triviales im Vergleich zum menschlichen Geist. Ein renommierter Science-Fiction-Autor verglich das Sprachmodell mit einer unscharfen, komprimierten Kopie des Internets. Solche Vergleiche sind pointiert formuliert und nicht ohne Substanz, sie erinnern aber frappierend an frühere Abwertungen neuer Technologien.
Auch aus der Finanz- und Wirtschaftswelt kommt Gegenwind. Ein hochrangiger Analyst einer großen Investmentbank fragte 2024 provokativ, welches Billionen-Dollar-Problem KI eigentlich lösen solle. Die Technologie sei außerordentlich teuer und müsse komplexe Probleme bewältigen, für die sie gar nicht geschaffen sei. Ein angesehener Ökonom prognostizierte, die Produktivitätsgewinne durch KI dürften minimal ausfallen. Die Kernbotschaft dieser Skeptiker lautet: zu viel Aufwand, zu wenig Nutzen.
Nun wäre es zu einfach, diese Kritik pauschal beiseitezuwischen. Denn die Schwächen der heutigen KI sind real und niemand sollte sie kleinreden.
Aktuelle KI-Systeme erfinden Fakten, sogenannte Halluzinationen. Sie vergessen ihre Quellen, denken sich gelegentlich Gerichtsurteile aus, die nie existiert haben, und produzieren Bilder mit sechs Fingern an einer Hand. In generierten Videos verstößt die Physik manchmal gegen jede Logik. Mal schreibt ein Modell brillant wie ein Profi, im nächsten Moment stümperhaft wie ein Schulkind. Diese Mängel sind offensichtlich und werden zu Recht kritisiert.
Hier wird es interessant. Trotz all dieser Schwächen setzen unzählige Menschen KI bereits produktiv ein: zum Programmieren, zum Erklären von Verträgen, zum Gestalten von Bildern, zum Schneiden von Videos, zum Zusammenfassen von Besprechungen, zur Kundenbetreuung, beim Übersetzen, beim Entwerfen von Werbung oder beim Entwickeln von Anwendungen. Vor allem aber ersetzt KI für viele die gefürchtete leere Seite am Anfang nahezu jedes kreativen Prozesses. Eine Technologie, die angeblich nichts taugt, wird von Millionen täglich genutzt, dieser Widerspruch sollte stutzig machen.
Der entscheidende Gedanke ist dieser: Frühe Versionen einer Technologie sind fast immer unbeholfen, fehlerhaft und ein wenig peinlich. Das erste Telefongespräch war von schlechter Qualität. Der lädierte Ladebalken früher Internetverbindungen kostete Nerven. Der eingefrorene Computer, die hässliche erste Website, das verwackelte Foto der ersten Handykamera, sie alle wirkten zunächst alles andere als überzeugend.
Genau hier liegt der Denkfehler vieler Skeptiker. Sie beurteilen eine Technologie nach ihrem unfertigen Anfangszustand und schließen daraus auf ihre Zukunft. Doch die unbeholfene Frühform ist nicht das Endprodukt, sie ist nur die erste Skizze von etwas, das sich rasant weiterentwickelt. Was heute holprig wirkt, wird morgen selbstverständlich sein. Die KI von heute ist möglicherweise so weit von der KI in zehn Jahren entfernt wie das erste verwackelte Handyfoto von den hochauflösenden Aufnahmen moderner Smartphones.
Die Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins, aber die Menschen, die gegen sie wetten, tun es mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit. Über Jahrhunderte hinweg haben kluge, erfahrene und hoch angesehene Fachleute neue Technologien unterschätzt, belächelt und für gescheitert erklärt. Und immer wieder wurde aus der belächelten Erfindung erst die Gegenwart und dann der Standard.
Das bedeutet nicht, dass KI automatisch jede Erwartung erfüllen wird. Kritische Einordnung bleibt wichtig, und manche Hoffnungen werden sich vermutlich nicht bewahrheiten. Doch wer KI allein wegen ihrer heutigen Schwächen pauschal abschreibt, wiederholt einen Fehler, der so alt ist wie die Technikgeschichte selbst. Die spannendere Frage ist deshalb nicht, ob KI scheitern wird, sondern, ob wir aus der langen Geschichte der Fehlprognosen etwas gelernt haben. Die Antwort darauf trifft jede und jeder von uns selbst.
Nein, keineswegs. Die genannten Schwächen, etwa Halluzinationen, erfundene Quellen oder fehlerhafte Bilder, sind real und sollten ernst genommen werden. Der historische Vergleich zeigt jedoch, dass berechtigte Kritik an einer unfertigen Technologie nicht mit einem Urteil über ihre langfristige Bedeutung verwechselt werden darf. Skepsis gegenüber konkreten Mängeln ist sinnvoll; das pauschale Abschreiben einer ganzen Technologie hat sich historisch fast immer als Irrtum erwiesen.
Fachleute beurteilen eine neue Technologie häufig nach deren aktuellem, oft unausgereiftem Zustand und nach den Maßstäben des bestehenden Marktes. Sie unterschätzen dabei, wie stark sich eine Erfindung weiterentwickeln und welche neuen Anwendungsfelder sie erschließen kann. Hinzu kommt, dass etablierte Akteure ein Interesse daran haben, am Bewährten festzuhalten. Genau diese Kombination aus Gegenwartsfixierung und Eigeninteresse führt immer wieder zu spektakulären Fehleinschätzungen.
Er legt einen pragmatischen Mittelweg nahe: KI weder unkritisch zu bejubeln noch reflexhaft abzulehnen. Sinnvoll ist es, die Technologie auszuprobieren, ihre heutigen Stärken zu nutzen und ihre Grenzen realistisch im Blick zu behalten. Wer früh praktische Erfahrung sammelt, ist besser vorbereitet, wenn sich die Technologie weiterentwickelt und vermeidet die Rolle desjenigen, der im Rückblick gegen die Geschichte gewettet hat.
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Bei all dem Fokus auf die Entwicklung von KI- und Machine-Learning-Anwendungen könnte man meinen, dass diese Technologien hauptsächlich von Softwareentwicklern und Ingenieuren beherrscht werden. Aber während diese Technologen sicherlich die nächste Generation von "intelligenten" Apps und Diensten entwickeln, ist es wichtig zu beachten, dass die Fähigkeiten von KI und maschinellem Lernen für jeden immer wichtiger werden - auch für Manager und Führungskräfte.
Bevor die globale Pandemie im Jahr 2020 zuschlug und die Welt auf den Kopf stellte, sorgten künstliche Intelligenz (KI) und insbesondere der Zweig der KI, der als maschinelles Lernen (ML) bekannt ist, bereits für eine weitreichende Disruption in fast jeder Branche.
Die enormen Fortschritte, die in jüngster Zeit im Bereich des maschinellen Lernens (ML) und der künstlichen Intelligenz (KI) gemacht wurden, sind im Begriff, Branchen vom Gesundheitswesen über das Transportwesen und Versicherungen bis hin zu Fertigung, Dienstleistungen und Verteidigung zu revolutionieren. Wie bei jeder revolutionären technologischen Veränderung, z. B. bei Automobilen oder dem Aufkommen von Fabriken, wirft dieser Fortschritt erhebliche Bedenken hinsichtlich Sicherheit, Zuverlässigkeit und Schutz auf.
Was ist künstliche Intelligenz? Künstliche Intelligenz ist eine Konstellation vieler verschiedener Technologien, die zusammenarbeiten, um Maschinen in die Lage zu versetzen, mit menschenähnlichen Intelligenzebenen zu fühlen, zu begreifen, zu handeln und zu lernen. Vielleicht scheint es deshalb so, als ob jeder Mensch eine andere Definition von künstlicher Intelligenz hat: KI ist nicht nur eine Sache.