27.01.2023
Von Peter Hecker, Inhaber von HECKER CONSULTINGWas ChatGPT und KI-Assistenten im CRM im Vertrieb leisten, wo ihre Grenzen liegen und wie Sie Kundendaten nach der DSGVO schützen: acht Tipps.

Anfang 2023, wenige Wochen nach dem Start von ChatGPT, kursierten im Netz lange Listen mit „Was wäre, wenn …?“-Fragen: Was wäre, wenn die KI Kunden selbstständig anruft, Leads vorhersagt und Angebote verschickt? Auch der ursprüngliche Text an dieser Stelle gehörte dazu. Vieles davon war Wunschdenken. Ein Sprachmodell telefoniert nicht von sich aus, trainiert sich nicht an Ihren Verkaufszahlen und weiß nichts über Ihre Kunden, solange Sie es ihm nicht sagen.
Knapp vier Jahre später ist die Lage nüchterner und zugleich interessanter. Generative KI steckt inzwischen in CRM-Systemen, E-Mail-Programmen und Videokonferenzen. Wer im Vertrieb arbeitet, kann sich damit viel Schreib- und Sortierarbeit abnehmen lassen. Die Entscheidung, wem man was anbietet, und das Gespräch selbst bleiben aber Sache des Menschen. Die folgenden acht Tipps zeigen, wo sich der Einsatz heute lohnt, wo er überschätzt wird und wie Sie dabei mit Kundendaten umgehen.
ChatGPT ist ein Chatprogramm von OpenAI, das auf einem großen Sprachmodell beruht. Ein solches Modell hat aus riesigen Textmengen gelernt, welche Wörter und Sätze wahrscheinlich aufeinander folgen. Daraus entstehen erstaunlich gute Texte, Zusammenfassungen und Gliederungen. Ähnliche Werkzeuge sind Microsoft Copilot, Google Gemini oder Claude von Anthropic; was hier über ChatGPT steht, gilt für sie weitgehend genauso.
Drei Eigenschaften sollte jeder kennen, der solche Werkzeuge im Verkauf einsetzt:
Mit diesem Bild im Kopf fällt die Einordnung leichter: ChatGPT ist ein sehr fleißiger Assistent für Texte und Struktur, kein Vertriebsleiter und keine Glaskugel.
Angenommen, eine Außendienstmitarbeiterin hat morgen einen Termin bei einem mittelständischen Maschinenbauer, den sie noch nicht kennt. Früher hieß das: Website lesen, Pressemitteilungen suchen, Notizen sortieren. Heute kann sie die öffentlich zugänglichen Informationen – etwa die „Über uns“-Seite und die letzten Meldungen – in ChatGPT kopieren und sich eine Übersicht erstellen lassen: Geschäftsfelder, aktuelle Themen, mögliche Anknüpfungspunkte für das eigene Angebot und fünf offene Fragen für das Gespräch.
Mit eingeschalteter Websuche kann ChatGPT solche Informationen auch selbst zusammentragen. Dann gilt: Quellen anklicken und prüfen, bevor eine Aussage im Kundengespräch landet. Die Vorbereitung wird nicht ersetzt, aber deutlich verkürzt – und das ist für viele Vertriebsteams der greifbarste Nutzen überhaupt.
Nachfassmails, Terminbestätigungen, Begleittexte zum Angebot: Solche Texte schreibt ChatGPT schnell und meist in brauchbarer Qualität. Besonders gut funktioniert es, wenn Sie konkrete Vorgaben machen. Ein Beispiel für eine solche Anweisung (ein „Prompt“):
Schreibe eine kurze Nachfassmail an einen Einkaufsleiter, mit dem ich letzte Woche über die Wartung von zwölf Druckluftanlagen gesprochen habe. Ton: sachlich, freundlich, keine Werbesprache. Erwähne, dass das Angebot bis Monatsende gilt, und schlage zwei Termine für ein kurzes Telefonat vor.
Der Entwurf ist ein Ausgangspunkt. Preise, Fristen und Produktangaben prüfen Sie selbst, bevor die Mail rausgeht. Und noch etwas sollten Sie wissen: Dass KI personalisierte Massenmails mühelos erzeugt, ändert nichts an den Regeln für Werbung. Werbe-E-Mails an Empfänger, die nicht eingewilligt haben, sind nach § 7 UWG in der Regel unzulässig – auch im B2B-Geschäft und auch dann, wenn jede Mail individuell klingt.
Viele Anfragen wiederholen sich: Lieferzeiten, Zahlungsbedingungen, Unterschiede zwischen zwei Produktvarianten. ChatGPT kann aus Ihren vorhandenen Unterlagen – Produktblatt, Preisliste, interne FAQ – Antwortvorlagen formulieren, die das Team dann einheitlich verwendet. Ein Sprachmodell wird dabei nicht „trainiert“, wie es oft heißt. Sie geben ihm die Unterlagen als Vorlage mit, und es formuliert auf dieser Grundlage.
Wer die Antworten automatisch an Kunden schicken will, etwa über einen Chat auf der Website, braucht mehr als ChatGPT im Browser: eine Anbindung an das Ticket- oder CRM-System, klare Grenzen, worauf der Assistent antworten darf, und eine Übergabe an einen Menschen, wenn es kompliziert wird. Das ist ein eigenes Projekt, kein Nebenbei-Experiment.
Hier hat sich seit 2023 am meisten getan. Videokonferenz- und Vertriebsplattformen bieten inzwischen Funktionen, die ein Gespräch transkribieren – also in Text umwandeln –, zusammenfassen und die nächsten Schritte direkt ins CRM übernehmen. Manche werten auch aus, wie viel Redeanteil der Verkäufer hatte oder welche Einwände häufig fallen. Für Vertriebsleitungen ist das eine Hilfe beim Coaching, für Verkäufer eine Entlastung bei der lästigen Dokumentation.
Die Kehrseite ist rechtlicher Natur: Ein Gespräch aufzuzeichnen oder mitschreiben zu lassen, setzt voraus, dass alle Beteiligten Bescheid wissen und zustimmen. Wer nichtöffentliche Gespräche heimlich auf Tonträger aufnimmt, macht sich in Deutschland strafbar (§ 201 StGB). Klären Sie mit Datenschutz und gegebenenfalls Betriebsrat, wann solche Funktionen eingeschaltet werden dürfen, und sagen Sie es dem Kunden zu Beginn offen. Wo es keine Zustimmung gibt, bleibt die klassische Variante: Notizen selbst stichwortartig festhalten und von ChatGPT in einen sauberen Gesprächsbericht verwandeln lassen.
Ein unterschätzter Einsatz: ChatGPT als Trainingspartner. Sie beschreiben eine Rolle – etwa eine skeptische Geschäftsführerin, die den Preis zu hoch findet und mit dem bisherigen Lieferanten zufrieden ist – und üben das Gespräch im Chat oder im Sprachmodus. Anschließend lassen Sie sich Rückmeldung geben: Wo haben Sie zu früh über den Preis gesprochen, wo nicht nachgefragt?
Das ersetzt kein Training mit erfahrenen Kollegen, ist aber jederzeit verfügbar und nimmt Berufseinsteigern die Scheu vor schwierigen Gesprächen. Kundendaten braucht es dafür nicht, das Rollenspiel funktioniert mit erfundenen Situationen.
Bewertungen, Antworten aus Kundenumfragen, Reklamationsgründe: Aus solchen Texten kann ChatGPT wiederkehrende Themen herausarbeiten und nach Häufigkeit ordnen. Die Frage „Worüber beschweren sich unsere Kunden in den letzten 200 Rückmeldungen am häufigsten?“ ist in wenigen Minuten beantwortet, wo früher jemand einen Nachmittag Tabellen sortiert hat.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens: Entfernen Sie Namen, E-Mail-Adressen, Kundennummern und andere Hinweise auf Personen, bevor Sie Texte hochladen. Zweitens: Ein Sprachmodell zählt nicht immer zuverlässig. Für exakte Zahlen ist eine Auswertung im Tabellenprogramm oder im CRM-Bericht besser geeignet; die KI liefert die Themen, die Tabelle die Häufigkeiten.
Der vielleicht wichtigste Unterschied zu 2023: Die großen CRM-Anbieter haben generative KI direkt eingebaut. Microsoft bietet Copilot in Dynamics 365 Sales und den Sales-Agenten in Microsoft Copilot an, Salesforce setzt auf Agentforce, HubSpot auf den Breeze Assistant und eigene KI-Agenten. Solche Assistenten fassen den Verlauf einer Verkaufschance zusammen, schlagen die nächste Mail vor oder bereiten das Wochenmeeting vor – mit den Daten, die ohnehin im System liegen.
Für den Datenschutz ist das oft die bessere Lösung, als Kundendaten in ein allgemeines Chatfenster zu kopieren: Die Daten bleiben im System, für das bereits Verträge, Berechtigungen und Löschregeln bestehen. Allerdings kosten diese Funktionen meist zusätzlich, und ihre Ergebnisse sind nur so gut wie die Daten im CRM. Wer lückenhaft pflegt, bekommt lückenhafte Zusammenfassungen. Einen Überblick über Vertriebswerkzeuge und CRM-Systeme finden Sie im Thema Sales-Skills und CRM.
KI-Agenten sind Programme, die nicht nur einen Text schreiben, sondern mehrere Schritte nacheinander ausführen: eine eingehende Anfrage lesen, den Kunden im CRM suchen, eine Antwort entwerfen, eine Wiedervorlage anlegen. Genau das, was 2023 als „ChatGPT ruft den Kunden zurück“ angepriesen wurde, wird damit in Teilen möglich – allerdings über Automatisierungen in CRM- und Workflow-Werkzeugen, nicht über das Chatfenster.
Meine Empfehlung: Fangen Sie mit Abläufen an, bei denen ein Fehler wenig Schaden anrichtet, etwa interne Erinnerungen oder vorbereitete Entwürfe, die ein Mensch freigibt. Lassen Sie Agenten nicht ohne Kontrolle Preise nennen, Rabatte zusagen oder Verträge versenden. Und legen Sie fest, wer verantwortlich ist, wenn etwas schiefgeht – die Software ist es nicht.
Fast jede der genannten Anwendungen berührt personenbezogene Daten: Namen, Kontaktdaten, Gesprächsinhalte. Die Datenschutz-Grundverordnung gilt deshalb auch hier, und zwar unabhängig davon, ob die Verarbeitung durch einen Menschen oder eine KI geschieht. Daraus ergeben sich ein paar einfache Regeln (allgemeine Hinweise, keine Rechtsberatung):
Überschätzt wird generative KI vor allem bei Prognosen und Beziehungen. Ein Sprachmodell kann begründet klingende Vermutungen äußern, welcher Kunde „kaufbereit“ wirkt. Ob diese Vermutung stimmt, weiß es nicht. Lead-Scoring – also die Bewertung von Interessenten nach ihrer Abschlusswahrscheinlichkeit – gehört in ein System, das mit Ihren echten Abschlussdaten rechnet und dessen Kriterien Sie nachvollziehen können.
Auch Vertrauen lässt sich nicht automatisieren. Kunden merken, wenn eine Mail zwar perfekt formuliert, aber austauschbar ist. Und sie merken, wenn der Verkäufer im Gespräch nicht weiß, was in „seinem“ Angebot steht. Ein Risiko, das oft übersehen wird: Wenn alle Wettbewerber dieselben Werkzeuge nutzen, klingen am Ende alle gleich. Gewinnen wird, wer die gesparte Zeit in echte Gespräche steckt.
Für die meisten Vertriebsteams lohnt sich generative KI heute bei drei Dingen: Vorbereitung, Texte und Dokumentation. Dort ist der Nutzen sofort spürbar, das Risiko überschaubar und der Einstieg günstig. Gesprächsanalyse und CRM-Assistenten sind der zweite Schritt, weil sie Absprachen zu Datenschutz, Mitbestimmung und Kosten brauchen. Vollautomatische Agenten mit Kundenkontakt sind für die meisten Unternehmen noch ein Pilotprojekt, kein Alltag.
Der wichtigste Hebel ist dabei nicht das Werkzeug, sondern die Übung. Wer gelernt hat, präzise Anweisungen zu formulieren und Ergebnisse kritisch zu prüfen, holt aus jedem dieser Programme mehr heraus. Genau darum geht es im Seminar ChatGPT für Verkauf und Vertrieb: an echten Aufgaben aus dem Vertriebsalltag, mit Regeln für den Umgang mit Kundendaten. Weitere Angebote für Verkaufsteams bündelt das Thema Für Verkauf + Vertrieb.
Nur mit einem Unternehmenszugang, für den ein Vertrag zur Auftragsverarbeitung besteht, und auch dann nur so viel wie nötig. Besser ist es, Namen und Kontaktdaten vorher zu entfernen. In ein privates Konto gehören Kundendaten nicht.
Das Chatprogramm selbst nicht. Automatischer Versand ist über CRM-Funktionen, Automatisierungswerkzeuge oder KI-Agenten möglich. Dabei gelten dieselben Regeln wie ohne KI: Werbung per E-Mail oder Telefon braucht in vielen Fällen eine vorherige Einwilligung.
Für eine Mail, die ein Mitarbeiter mit KI-Hilfe schreibt und selbst verschickt, gibt es in der Regel keine Kennzeichnungspflicht. Anders ist es, wenn Kunden direkt mit einem KI-System chatten: Dann verlangt der AI Act seit 2. August 2026, dass sie erkennen können, dass sie mit einer Maschine sprechen (Art. 50).
Das hängt vor allem davon ab, wo Ihre Daten liegen. Wer ohnehin mit Microsoft 365 und Dynamics arbeitet, ist mit Copilot oft am besten bedient, Salesforce- und HubSpot-Nutzer schauen sich zuerst die eingebauten Funktionen an. Für allgemeine Text- und Recherchearbeit eignen sich ChatGPT, Gemini oder Claude in einem Unternehmenstarif gleichermaßen.
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